Vorab die Antwort: Nein. Mit dem Markteinbruch rücken aber zwangsläufig wieder verstärkt die Untergangs-Prophezeiungen verschiedener Experten in den Blickpunkt. Von Gerd Weger

Etwas überraschend im Ausmaß kam es zur Wochenmitte zu heftigen Einbrüchen beim Bitcoin und an den Kryptomärkten generell. Im Chart unten sieht man, dass einige wichtige Widerstandslinien gerissen wurden. So wurden die 50-Tagelinie, der Widerstand bei 10.500 Dollar und zwischenzeitlich auch die wichtige psychologische Marke von 10.000 Dollar nach unten durchbrochen. Ein Abrutschen bis zur 200-Tagelinie, die aktuell bei knapp 9.100 Dollar verläuft, ist nicht unwahrscheinlich. Von diesem Niveau aus startete der Bitcoin in der zweiten Julihälfte seine fulminante Rally. Die Gründe für den plötzlichen Einbruch sind unklar. Angeführt werden größere Verkäufe von Bitcoin-Minern, die Erholung des US-Dollars oder die Razzia bei der großen südkoreanischen Kryptobörse Bithumb. Es waren zuletzt bei den Altcoins aber auch große spekulative Übertreibungen im Zusammenhang mit dem DeFi-Hype und neuen Börsen-Listings von Coins zu beobachten.

Der heftige Einbruch beim Bitcoin und an den Kryptomärkten generell hat natürlich auch die Bitcoin-Untergangspropheten wieder aufgescheucht. So geht es in einem aktuellen Artikel von Bankrate um die Frage, ob es aktuell mehrere Blasen an den Anlagemärkten gibt und ob Investoren in diese Blasen investieren. Bankrate ist ein in New York ansässiges und einflussreiches Finanzportal. Auf die Frage nach Blasenbildungen antwortet der Bankrate-Reporter James Royal, dass die Aktienmärkte generell nicht überbewertet sind, ebenso die Immobilienmärkte aufgrund der sehr niedrigen Zinsen und der gegenüber dem Angebot größeren Nachfrage. Schon darüber könnte man streiten. Die Aktienmärkte negieren derzeit die immer wahrscheinlicher werdenden Spätfolgen der Corona-Krise wie Pleitewellen und Massenarbeitslosigkeit, die derzeit noch mit Maßnahmen wie Flutung der Märkte mit Geld oder Kurzarbeit übertüncht werden. Zumal in diesem Jahr auch die Risiken durch die zunehmenden politischen Spannungen und Verunsicherungen wie Handelsstreit, US-Präsidentenwahl, Brexit oder die Gefahr kriegerischer Konflikte in vielen Weltregionen gestiegen sind. Die Stützung der Immobilienpreise durch die niedrigen Zinsen kann auch nicht ewig anhalten. Niedrige Zinsen durch anhaltende Flutung der Geldmärkte könnte diese Preise dann zwar nominal steigen lassen, nicht aber real. Für die Wertentwicklung des Bitcoins sind diese Szenarien allesamt positiv. Von daher sind die Aussagen in Bankrate, dass sich der Bitcoin im Gegensatz zu den anderen Asset-Klassen im Blasen-Territorium befindet, nicht nachzuvollziehen. James Royal sieht den Bitcoin auf längere Sicht als wertlos an und als ein Asset, das Warren Buffet nicht anrühren würde. Als Argument wird dabei angeführt, dass der Bitcoin und andere Kryptowährungen keinen Cash Flow generieren. Bei diesem keinesfalls neuen Argument vergisst er aber, dass das gar nicht die Intention von Bitcoin als Währung ist. Mit dem gleichen Argument könnte er auch den Dollar oder Euro als wertlos bezeichnen, die auch keinen Cash Flow generieren. Bitcoin hat durch seine Nicht-Inflationierbarkeit aber neben seiner Eigenschaft als Währung auch eine solche als harter Vermögenswert. Nicht umsonst wird es deshalb als digitales Gold bezeichnet. Neben seiner unveränderbar definierten Knappheit ist er auch resistent gegen Zensur und andere Restriktionen. Einmalig ist auch seine weltweite Zugänglichkeit über alle Grenzen hinweg. Von daher: Nein, der Bitcoin ist keine Blase.

Jedenfalls sollte man sich von solchen Aussagen, die in schlechten Marktphasen immer wieder neu in den Fokus gelangen, nicht verunsichern lassen. Es gibt an den Kryptomärkten das gleiche Propheten-Phänomen wie an den Aktienmärkten. Steigen die Kurse an den Aktienbörsen stark an, überbieten sich die Analysten mit immer höheren Kurszielen. Fallen die Aktien, haben die Untergangspropheten Konjunktur. Je spekulativer die Aktien dabei sind, desto ausgeprägter ist das Phänomen. Verstärkt wird dieser Trend durch die Medien, die als Verstärker der gerade grassierenden Fantasien oder Ängste fungieren. Nach dem Motto “The Trend is your Friend” werden durch die Bedienung des jeweiligen Trends die Verkaufs- oder Klickzahlen der Medien in die Höhe getrieben. Nicht anders verhält es sich an den spekulativ getriebenen Kryptomärkten. Man kann es deswegen nicht oft genug betonen: Anlagen beim Bitcoin sollten langfristig angelegt sein. Die kurzfristigen starken und oft erratischen Kursschwankungen wird es auch weiterhin geben und sollte strategische Investoren nicht verunsichern. Diese Irritationen sind der Preis für die enormen langfristigen Kursanstiege. Wenn man unbedingt traden will, sollte man dies primär auf die großen Altcoins beschränken. Bei sehr kleinen Altcoins muss man das Trading dann sogar eher als Gambling bezeichnen.

Bildquelle: BÖRSE ONLINE